Mir ist noch gut in Erinnerung, dass mein Mann und ich vor einigen Jahren unter dem Eindruck der soeben entbrannten PISA-Debatte unsere Kinder unter anderem deshalb am Gymnasium Stoppenberg angemeldet haben, weil es die bessere Alternative schien mit seinem Ganztagsangebot - eben auch für das Gymnasium - und mit seinem ganzheitlichen Ansatz des Lernens. Unserem Eindruck nach hatte die Schule damals in der pädagogischen Diskussion „die Nase vorn“; sie war gestützt durch ein junges engagiertes Kollegium, eine vergleichsweise hervorragende Ausstattung und sie bot viel Platz und Freiraum für ihre Schüler, die sich dort wohlfühlen konnten.
Inzwischen hat uns G8 überrollt und haben zentrale Lernstandserhebungen und Prüfungsverfahren die Schulen in eine weitaus größere und politisch gewollte Konkurrenz zueinander gebracht, als uns bis dato bewusst oder lieb war. Andere Schulen, auch Halbtagsgymnasien, bewegen sich längst und gezwungenermaßen in Richtungen, die Stoppenberg vormals als einsame „Alternative“ besetzt hielt. Gerade auch in diesem Zusammenhang scheint mir das vorgestellte 65-Minuten-Modell die richtige Antwort zu sein, um den notwendigen Wettbewerbsvorteil auch für die Zukunft zu sichern, um sich unter den o.g. veränderten Bedingungen die pädagogische Vorreiterstellung zu erhalten. Im Einzelnen:
- Im Rahmen der Forderung nach individueller Förderung eröffnen
65-Minuten-Einheiten deutlich mehr integrierte Möglichkeiten für individuelle Zuwendung zu Schülern; zusätzliche Förderstunden können so für viele Schüler vermieden werden, ein Ziel, das angesichts der gestiegenen Stundenbelastung für G8-Schüler nicht gering geachtet werden darf. Gleichzeitig aber ist es Ausweis einer jeden guten Schule, sich um jeden Schüler „zu kümmern“ und so aus einem eher überdurchschnittlichen Schülerpotential ohne unnötige Selektion möglichst viele auch zum Erfolg zu führen. Ein integriertes Fördermodell könnte da durchaus helfen.
- Im Rahmen der Diskussion um eine ganzheitliche Erziehung der Kinder, die
mir heute mindestens so wichtig erscheint wie vor Jahren, hat Stoppenberg sehr überzeugende Antworten entwickelt (Handwerk, Neigungsgruppen, AG-Bereiche...), kann aber auch als Ganztagsgymnasium und kirchlich geförderte Institution mit strukturellen, finanziellen und personellen Bedingungen aufwarten, mit denen kaum ein anderes Gymnasium konkurrieren kann. Umso wichtiger erscheint es mir, dass der dazu benötigte Freiraum insbesondere in der Mittagspause durch zusätzliche G8-Stundenvorgaben oder additive Fördermaßnahmen nicht weiter beschnitten wird, sondern im Rahmen des 65-Minuten-Modells zurückerobert wird und wieder zu dem wird, was es einmal war: entspannte Austauschmöglichkeit zwischen Lehrern und Schülern und breite Angebotspalette in allen denkbaren Bereichen.
- Im Folgenden möchte ich von anderen Diskussionsteilnehmern bereits
mehrfach vorgebrachte Argumente kurz wiederholen, weil sie mir extrem wichtig erscheinen: Kinder, die an einer Ganztagsschule lernen, sind nochmals mehr als andere darauf angewiesen, sich auf eine sinnvoll begrenzte Zahl von Fächern am Tag einzustellen. Auch das scheint mir das 65-Minuten-Modell zu gewährleisten, insbesondere wenn man den Ganztag nicht so strukturieren will, dass man den Nachmittag im Wesentlichen als Additum begreift, in dem Hausaufgabenhilfe und Förderunterricht betrieben wird (wie an manchen Schulen praktiziert), sondern als voll- und gleichwertige Unterrichtszeit.
- Längst hat die Gehirnforschung und Lernpsychologie herausgefunden, dass
Selbsttun durch Üben und Experimentieren den eigentlichen Lernfortschritt erbringt. Welchen Platz diese Elemente auch immer im Unterricht einnehmen, eins bleibt sicher:
Sie brauchen Zeit! Mehr Zeit als 45 Minuten!
Schulische Umwälzungen, allen voran G8, zwingen uns zu Veränderungen: der Stundentafeln, der Anpassung der Lehrpläne, der Vorbereitung der Schüler auf zentrale Prüfungsverfahren und vieles mehr. Das 65-Minuten-Modell erscheint mir als eine der überzeugendsten Antworten auf die neuen pädagogischen und curricularen Herausforderungen, die ohnehin (wie ja auch mehrfach betont wurde) angepackt werden müssen.
Als Schülermutter freue ich mich, hier eine so engagierte Gruppe von Lehrern vorzufinden, die die Mühe nicht scheut, diese Arbeit voranzutreiben; ich freue mich außerdem über die am Stoppenberg auch für Eltern erkennbar entwickelte Schulkultur, die diese Diskussion in dieser Offenheit und der gebotenen Fairness erst ermöglicht hat. Ich wünsche mir, dass dieses neue Modell als logische Fortentwicklung von dem, was Stoppenberg war und noch ist, auf Sicht Erfolg hat, damit Stoppenberg das bleibt, was es war und ist:
nämlich eine „echte Alternative“ in der Schullandschaft Essens!
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